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Sep 08

“ANGEL’S EGG” (1985) Review

Einer Leidenschaft die ich in meiner Blog-Pause nachgegangen bin, war das japanische Kino. Ich habe so viele abgefahrene, ältere Streifen aus dem Land der aufgehenden Sonne gesehen, es wäre ein Verbrechen wenn ich hier nicht ein paar Empfehlungen aussprechen würde. Einer meiner Lieblinge unter diesen Neuentdeckungen ist der Anime „Tenshi no Tamago“, im Westen bekannt als „Angel’s Egg“. Warum ich diesen Zeichentrickfilm so feiere sag ich euch gleich nachdem wir kurz die „Story“ des Films angekratzt haben.

angels-egg-review-1985In einer leeren, bedrückenden Welt erwacht ein junges, weißhaariges Mädchen. Dieses Mädchen trägt ein großes Ei bei sich, dass ihr wertvollster Besitz ist – sie ist sich sicher, dass darin ein Vogelküken steckt, dass bald schlüpfen wird. Das Mädchen wandert von ihrem Schlafplatz in eine Stadt, in der Sie einen jungen Mann trifft, der eine Kruzifix-förmige Waffe auf seiner Schulter trägt. Nach anfänglichen Misstrauen irren die beiden gemeinsam durch diese bizarre Welt. Wer dieser junge Mann ist und wer das Mädchen, woher sie kommen und was sie antreibt, das bleibt alles ein Rätsel.

Es fällt mir schwer für den Streifen eine zutreffende Handlungszusammenfassung zu schreiben. Es gibt einige starke Anspielungen an die Geschichte von Noahs Arche, aber bei „Angel’s Egg“ geht es weniger um die erzählte Geschichte, die von vorne bis hinten extrem kryptisch ist, sondern um die kunstvollen Bilder und den stark in christlicher Symbolik gekleideten Metaphern. Den Film zu verstehen ist schwierig. Regisseur und Mastermind hinter dem Streifen Mamoru Oshii ging zu dieser Zeit seines Schaffens durch eine schwierige Phase. Mamoru gehörte zur relativ kleinen christlichen Glaubensgemeinschaft im ansonsten vom Shintoismus und Buddhismus geprägten Japan, allerdings fiel er in den Achtzigern vom Glauben ab. In Angel’s Egg verarbeitet er diesen Zustand der Verloren- und Unsicherheit. Was er genau aussagen will lässt Mamoru Oshii jedoch nicht heraus, dies überlässt er den Zuschauer. Und ich habe bereits viele unterschiedliche Interpretationen des Films gelesen, von hoffnungsvoller christlichen Glaubensbotschaft zum Anklagen der Leere und Falschheit von Religion, kann man anscheinend alles in dem Film sehen wenn man nur will. Wenn ihr mich fragt, was Mamoru mit dem Film erreichen wollte dann ist es die Kryptik und Mehrdeutigkeit einer Religion zu replizieren. Ich glaube er wollte dem Zuschauer die gleiche Verzweiflung spüren lassen einen Sinn und eine Erklärung in seinem Werk zu suchen, wie er es in seinem Glauben tat. Das wäre zumindest eine mögliche Sichtweise auf den Anime. Das Mamoru Oshii sich danach in seinem weiteren Schaffen noch mit Sinn und Sein beschäftigte merkt man auch in seinem bekanntesten Film „Ghost in the Shell“ von 1995 – einer der bekanntesten und am meisten gefeierten Animefilme. Dagegen ist „Angel’s Egg“ ein richtiger Geheimtipp. Ein wunderschöner Geheimtipp, denn als Designer und Co-Autor des Films arbeitete Yoshitaka Amano. Amano hatte zu diesem Zeitpunkt bereits begonnen die Vampire Hunter D-Romane zu illustrieren. Später in seiner Laufbahn sollte der Künstler noch die Charaktäre der Final Fantasy-Reihe zu designen. Sein Stil ist leicht zu erkennen, blasse Figuren, weißes Haar, spitze Hüte und geschwungene Schwerter voller verschnörkelter Verzierungen. Auch „Angel’s Egg“ trägt diesen Look den später die japanischen Rollenspiele der 16-Bit-Ära aufziehen sollten. Diese eigentlich stark an das traditionelle Europa angelehnte Optik, gesehen durch eine japanische Linse strahlt eine ganz eigene Schönheit aus, die man in westlichen Filmen oder Spielen nur selten findet.

daumen-hoch-doppelMein Fazit: Zwei skelettierte Daumen nach oben

„Angel’s Egg“ ist ein gerade mal 71 Minuten langer Kunstfilm voller monumentaler Bilder, der eher Versucht die Gefühle und Erfahrungen seines Schöpfers einzufangen als eine konkrete Geschichte zu erzählen. Der Film entfaltet sich langsam und hat kaum Dialog, aber genau das spielt in seine Stärken. „Angel’s Egg“ lässt einem Luft das gesehene zu verdauen und textet einem nicht mit seiner Botschaft zu. Mamoru respektiert seine Zuschauer und lädt zum Nachdenken ein, während Yoshitaka Amano einem ordentlich Eyecandy in einer originellen Welt serviert. Vor allem Leute, die an philosophischen Animes ala “Ghost in the Shell” und “Neon Genesis Evangelion” gefallen finden, sollten vielleicht mal “Tenshi no Tamago” in die eine oder andere Suchleiste eingeben.