«

»

Aug 25

“ENTER THE ANIME” (2019) Review

Ich glaube es ist das erste mal, dass ich hier auf meiner Seite eine Review über eine Dokumentation schreibe. Aber hier sind wir und sehen uns eine Netflix-Doku über Animes an. „Enter the Anime“ ist mir, als alten Japan- und Animefan natürlich sofort ins Auge gesprungen, als sie auf dem Streamingservice aufploppte. Schauen wir also mal kurz auf den Inhalt der „Doku“ und legen dann mit der Review los:

enter-the-animeIn „Enter the Anime“ begleitet man Alex Burunova, die noch keinen blassen Schimmer von Animes, Mangas oder Japan im allgemeinen hat, dabei wie sie die Frage klären soll „Was ist Anime?“. Ich nehme mal gleich vorweg, dass eine zufriedenstellende Antwort ausbleibt und dass Frau Burunova und ihr Team wohl kaum einen schlechteren Job hätten machen können sich dieser Frage zu stellen. Ich werde euch nun erklären was bei dieser Doku so schief ging.

„Was sind Animes?“ – generell würde ich die Frage damit beantworten, dass Animes in Japan produzierte – und damit von Japans Kultur beeinflusste – Animationsfilme sind. Alex tut sich mit der Definition jedoch härter. Dass Alex Burunova keine Ahnung von Animes hat ist ja generell nichts schlimmes. Eine Doku, bei der man mit dem Erzähler gemeinsam auf Forschungsreise geht, übt immer einen gewissen Reiz und ein Feeling von Gemeinsamkeit auf den Zuschauer aus. Doch im Laufe des Films scheint Alex nicht schlauer zu werden. Sie betont ununterbrochen wie „Edgy“ und „weird“ Japan und Animes sind. Für unsere westlichen Augen stimmt dies natürlich, aber um so mehr man sich mit der Kultur und der Geschichte sowie der Kunst eines fremden Landes befasst, um so mehr sollten einem doch die zusammenhänge hier auffallen. Etwas was Japan so besonders und interessant macht ist dieses aufeinandertreffen von Tradition und Moderne, von Disziplinierter Arbeitsmoral im Kollektiv und dem kunterbunten ausbrechen aus eben diesem. Japan ist anders und möchte auch anders sein als der Westen. Das sich dies auf die Kunst des Landes niederschlägt merkt man nicht nur am Film, sondern auch an Videospielen, an den japanischen Mangacomics und natürlich auch an den japanischen Animationsfilmen. Die Animationsfilmindustrie in Japan genießt auch den Umstand, dass Zeichentrickfilme dort nicht als reines Medium für Kinder stigmatisiert sind – Animes gibt es in jeglichen Genres und für jede Altersgruppe. Die Aussagen von Alex Burunova hören sich also sehr oberflächlich an. Außerdem sollte man vielleicht nicht unbedingt verallgemeinernd die Produzenten in Japans Animeindustrie als „genial und geistesgestört“ bezeichnen. Doch um ehrlich zu sein führen diese Monologe von Alex Burunova zu nichts. Bis zu letzt wirkt sie wie eine Instragram-Modeinfluenzerin, die zu diesem Projekt kam wie die Jungfrau zum Kind. Das eigentliche Fleisch der Doku sind nicht miteinander verbundene Interviews mit verschiedenen Animeschöpfern, die kaum etwas mit Burunovas grenzwertigen Kommentar zu tun haben.
Es werden einige große Namen der Animationbranche Japans danach befragt wie die Produktion ihrer aktuellen Titel abläuft, oder was ihre Ziele und Inspirationen für die Serie, an der sie gerade arbeiten sind. Einige Interviews befragen auch Leute wie Adi Shankar, der neben Filmen wie „DREDD“ auch der Produzent für die, stark von Animes beeinflusste „Castlevania“ Zeichentrickserie ist, oder die Sängerin Yoko Takahashi, die das Intro zum legendären Anime „Neon Genesis Evangelion“ namens „A Cruel Angel Thesis“ sang und immer noch performed. An sich gibt es hier einige interessante Einblicke hinter die Kulissen der Animationsindustrie, auch wenn die destruktiven Arbeitsbedingungen die hier leider immer noch herrschen als „Leidenschaftliches Arbeiten“ romantisiert werden. Aber auch dem interessantesten Interview kann man nur schwer etwas abgewinnen, wenn dieses so geschnitten und mit Kameraeffekten überlagert ist, wie es in „Enter the Anime“ der Fall ist. Es muss eigentlich schon fast gesehen um geglaubt zu werden. Ich habe hier zuerst einen vollen Abschnitt getippt in dem ich die schrecklichen, überzogenen, hyperaktiven und kitschigen Stilmittel beschrieben habe mit dem diese Interviews bis zur Unkenntlichkeit voll gepflastert wurden, doch das wäre wohl zu viel des Guten gewesen. Sagen wir einfach, dass es an einigen Stellen gut gemeinte Anleihen an die Werke der jeweiligen Interviewpartner gibt, doch dass es meistens aussieht als hätte man sämtliche Snapchat-Filter, Spiegel-, Splitscreen-, und Bild-in-Bild-Effekte auf eine Tastatur gelegt und diese einen mit Cocain vollgepumpten Schimpansen in die Hand gedrückt.
Okay, vielleicht glaubt ihr, dass es jetzt nicht schlimmer geht. Vielleicht meint ihr auch, dass ich bisher etwas gemein zu „Enter the Anime“ war, doch nun kommen wir zu meinem größten Kritikpunkt an dieser „Dokumentation“ – und ja ich habe das letzte Wort absichtlich in Anführungszeichen gesetzt. Denn eigentlich ist dies keine Doku über die japanische Animekultur, die Herkunft und Einflüsse der fernöstlichen Zeichentrickfilme oder ihre Auswirkungen auf westliche Filmemacher. Nein, es ist schlicht und einfach eine einstündige Werbung für neue netflixexklusive, oder von Netflix lizensierte Animes. Jedes Interview dreht sich ausschließlich um Animes, die aktuell auf Netflix laufen, oder demnächst erscheinen/eine neue Staffel bekommen. Einzige Ausnahme ist hier die erwähnte Sängerin Takahashi – allerdings wurde die extrem einflussreiche Serie Neon Genesis Evanglion von 1995 vor kurzem exklusiv auf Netflix re-released. „Enter the Anime“ ist also ein extrem zynisches Netflixprodukt, dass sich einen scheiß um Animes schert, außer der Mutterkonzern hat die rechte zu ihm. Kann man eine Dokumentation über Animes machen ohne dass man das Shonen-Jump-Magazin vorstellt, das seit Dekaden die Mangavorlagen der größten Animes publiziert? Kann man so eine Doku machen ohne Studio Ghibli zu erwähnen, die mit Filmen wie „Prinzessin Mononoke“ und „Chihiros Reise ins Zauberland“ auch im Westen hohe Wellen schlugen und sogar Oscars einheimsten? Ist es möglich eine Doku über Animes zu drehen und legendäre Filme wie „Akira“ oder „Ghost in the Shell“ zu unterschlagen? Was ist mit „Astro Boy“, der als der Großvater aller Animeserien gilt? Oder die seit Jahrzehnten laufenden Serien wie Dragonball, Naruto, One Piece oder Gundam? „Enter the Anime“ beweist, dass es irgendwie möglich ist so ignorant zu sein dies alles unter den Tisch fallen zu lassen, wenn man eigentlich nur einen Promotionfilm für seine eigenen Produkte drehen möchte.

Mein Fazit: 2 von 10 unfokussierte Werbefilme

Wie gesagt hat die „Dokumentation“ ein paar kleine Fetzten interessanten Interviewmaterials hinter seiner fast unerträglichen Inszenierung versteckt. Vielleicht kann man über die laute, hyperaktive Darbietung und das platte, substanzlose Geschnatter der Moderatorin hinwegblicken, aber dass einem hier nur eine Werbung als „Einführung für neue Fans“ verkauft wird ist einfach nur ekelhaft. Wenn sich Netflix etwas mehr Mühe gegeben hätte, dies transparent als Blick hinter die Kulissen der EIGENEN Animeproduktionen beworben hätte, die Interviews konventioneller gestaltet und auf diese „WOW, SIND DIE JAPANER ALLE VERRÜCKT“-Mentalität verzichtet hätte, dann hätte „Enter the Anime“ vielleicht sogar funktioniert – aber für dieses zynische Promoreel habe ich nicht viel übrig.