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Jun 21

Godzilla 2014 VS Shin Godzilla

Nachdem ich einige Zeit in Japan verbracht habe, habe ich mal wieder Lust etwas über Godzilla zu schreiben. Tja, Pech gehabt, ihr ganzen Leser, die sich Reviews von aktuellen Kinoblockbustern wünschen! Ein Streit-, oder zumindest Diskussionsthema aller Leute, die auf riesige Echsen, die Großstädte platt machen, stehen ist welcher moderne Godzillafilm der bessere ist: Gareth Edwards amerikanisches Remake von 2004 oder Hideaki Annos japanisches Reboot Shin-Godzilla von 2016?

gvsg

Ich will euch nichts vormachen: Meine Meinung ist, dass Shin-Godzilla in fast allen belangen der stärkere Film ist. Und dieser Überzeugung bin ich seitdem ich den Streifen das erste mal gesehen habe. Aber ich will meine Meinung nicht unbegründet lassen und euch erklären wo Godzilla 2014 den ein oder anderen Schritt in die falsche Richtung machte, während Shin Godzilla den Nagel auf den Kopf getroffen hat, und wieso ich mich trotz dessen mehr auf eine Fortsetzung von Godzilla 2014 freue als auf eine von Shin Godzilla:

Wer ist hier die Titelfigur?
Ein Kritikpunkt, den sich beide Godzillafilme gefallen lassen müssen ist, dass Godzilla so wenig in den jeweiligen Filmen auf der Leinwand zu sehen ist. Ich finde diese Kritik beim Legendary Godzilla mehr als angebracht, während ich bei Shin Godzilla in dieser Hinsicht keinerlei Problem sah. Widmen wir uns der Sache aber zuerst vollkommen subjektiv. Vergleichen wir einfach die kalten Zahlen, wie lange Godzilla jeweils zu sehen ist. Hierfür habe ich die Seite Joke Cluster gefunden, auf der sich der tapfere Godzilla-Fan Dave Szmigiels die Mühe gemacht hat, sämtliche Godzillafilme zu studieren und Screentime und ähnliche Werte in Diagramme und Grafiken zu packen. Der Legendary Godzilla lässt den Zuschauer fast eine Stunde warten um sich das erste mal (zumindest kurz) ganz zu zeigen und zusammengerechnet sieht man ihn im Film fast 10 Minuten lang. Das ist zwar sogar etwas mehr Screentime, als der Original Godzilla von 1954 bekommen hat, dafür hatte der Klassiker nur eine Laufzeit von 96 Minuten, im Gegensatz zu den 2 Stunden des Legendary Godzillas. Ebenfalls gute 2 Stunden Laufzeit hat Shin Godzilla und dieser ist (in seiner ersten Form) bereits nach 8 Minuten in der Totalen zu sehen und tollt insgesamt etwas über 17 Minuten vor der Kamera rum. Aber seien wir ehrlich, diese Zahlen bedeuten relativ wenig. Es kommt darauf an, wie einem die ganze Sache verkauft wird. Gareth Edwards, wollte 2014 seinen Godzillafilm auf die gleiche Art drehen, wie Spielberg „Jurassic Park“ und „Der weißte Hai“ aufgezogen hat. Wie der Hai wird Godzilla über den Film immer nur geteased, bis er dann im Finale in voller Pracht die Show stiehlt. In der Theorie eine gute Idee, wie ich finde, allerdings ist es wieder die Sache wie man das aufzieht. Der Legendary Godzilla übertreibt das teasen der Titelfigur in soweit, dass er zur Nebenrolle wird. Was die Handlung vorantreibt sind die Aktionen der MUTO-Monster und Godzilla scheint für die Story, sowie die Figuren im Film selbst nur sekundär zu sein. Relevant wird Godzilla erst als er dann im Finale die MUTOs tötet. Es gibt keine Szene vor dem Finale in dem es rein um Godzilla geht, oder die menschlichen Figuren wirklich mit ihm interagieren müssen. Gareth Edwards will einen richtigen Charakter aus Godzilla machen, mit dem die Zuschauer mitfiebern, aber dies funktioniert nur, wenn sie Godzilla im Film auch mal zu Gesicht bekommen und eine Chance bekommen ihn als Charakter kennenzulernen. Shin Godzilla im Gegensatz soll kein Charakter sein. Er ist eine eindimensionale Figur, ein Hindernis das es zu überwinden gilt, der sprichwörtliche Drache, den es zu töten gilt. Als Metapher für den Tsunami und das Fukushima-Unglück von 2011 und Atomwaffen im Allgemeinen wurde er gezielt als sture, charakterlose Monstrosität konzipiert. Das kann man als Grundkonzept mögen oder auch nicht, aber der Film schafft das, was er erreichen will. Und zudem ist Shin Godzilla der unangefochtene Mittelpunkt der gesamten Handlung. Man wird im Film kaum eine Dialogzeile finden, in der nicht über Godzilla oder die direkten Konsequenzen seines Angriffes gesprochen wird. Dadurch ist Godzilla auch relevant, wenn er nicht im Bild ist, was für den Zuschauer, der einen Film über Godzilla ansehen will eine deutlich befriedigendere Erfahrung ist.

Held, Bösewicht oder beides?
Godzilla ist nicht gleich Godzilla, muss man wissen. In seinen über 60 Jahren Filmgeschichte tauchte Godzilla in 32 Spielfilmen auf, dazu kommt noch die aktuelle Animetrilogie und zahlreiche Auftritte in Comics, Zeichentrickfilmen und so weiter. In dieser Zeit nahm Godzilla zahlreiche Rollen an: Vom bitterbösen nuklearen Zerstörer, zum kinderfreundlichen Superhelden und vom recht neutralen, territorialem Riesendino zur schützenden Vaterfigur. Shin Godzilla wählte, wie schon erwähnt, die böse, wandelnde Naturgewalt, die seiner ersten Inkarnation von 1954 am ähnlichsten ist. Godzilla 2014 hingegen wollte einen realistischeren, eher animalischen Godzilla. Im Prinzip die genau richtige Wahl, wenn man mehrere Filme drehen will. Die Godzillafilme der Heisei-Ära (1985-1995) haben sich auch daran gehalten. So kann man Godzilla zeitgleich als Helden und Bösewicht der Reihe nutzen. Er ist ein riesiges Tier und dadurch eine Bedrohung für die Menschheit. Godzilla kann gegen ein böses Monster kämpfen und der Anti-Held sein, oder ein gutes Monster kann die Menschen vor Godzilla beschützen. Man kann mehr Variation in die Reihe bringen und Godzilla wirkt als Charakter vielschichtiger. Allerdings fand ich die Umsetzung des Filmes von 2014 holperig. Ich weiß nicht was das Militär und die Menschen von Godzilla gehalten haben. Anfangs wird erwähnt, dass sie versuchten ihn zu töten (dazu komme ich später nochmal), dann interessiert sich aber für 50 Jahre niemand mehr für ihn. In einer Szene schwimmt er zusammen mit Kampfschiffen in Formation, so als ob ihm die US-Marine Geleitschutz gibt, in San Francisco angekommen wird dann auf ihn gefeuert. Die Leute in San Francisco hatten keine Ahnung was auf sie zukommt, als plötzlich drei Monster die Stadt in Schutt und Asche legten, aber am nächsten Tag wird aus irgend einem Grund in den Medien Godzilla als Held, der die Stadt gerettet hat gefeiert. Was ich damit sagen will, ist das der Gedanke den Legendary Pictures hatte zwar gut war, aber die Ausführung auf frustrierende weise inkonsequent ist.

Die Menschen
Menschliche Hauptfiguren, die blass und charakterlos daherkommen: Dies ist auch ein Kritikpunkt, der beiden Filmen vorgeworfen wird. Shin Godzilla hat als Film nicht das Interesse eine Charakterentwicklung der einzelnen Figuren zu zeigen. Es geht um die realistische Darstellung wie ein Land auf den Angriff eines Kaijus reagieren könnte. Das beinhaltet eine Satire der realen Regierung, eine Aufarbeitung der Katastrophen, die Japan überstanden hat und den Paradigmenwechsel den der Film dem realen Japan vorschlägt. Die alten, eingefahrenen Strukturen sollen aufgebrochen werden, neue Ideen und mehr Selbstvertrauen braucht das Land in seiner Gesamtheit – hier geht es schlichtweg nicht um die Einzelschicksale. Eine derartige Herangehensweise ist für einen Spielfilm eher untypisch und darum kann ich es verstehen, dass es einige Leute gibt, die damit weniger anfangen können. Godzilla 2014 hat einen traditionelleren und mehr auf einen Blockbuster ausgerichteten Ansatz was seine menschlichen Figuren angeht. Hauptfigur im Legendary Godzilla ist Ford Brody – der Soldat und Musteramerikaner, kurz gesagt, er ist voll langweilig. Und das wäre nicht so schlimm, wenn man nicht fast den ganzen Film über mit ihn verbringen müsste. Bryan Cranstons Rolle als Fords Vater wäre interessant gewesen, aber dieser stirbt bereits zu Beginn des Films und Ken Watanabes Serizawa im Gespann mit Sally Hawkins Dr. Graham hätten den Film vermutlich auch bereichert, wenn sie mehr in die Handlung verwoben geworden wären. Doch leider bleibt man die meiste Zeit mit Ford Brody alleine, der zufällig von MUTO-Angriff zu MUTO-Angriff stolpert und dabei eigentlich immer den gleichen Gesichtsausdruck hat.

Die Sache mit der Bombe…
Aus mehr als verständlichen Gründen haben Japan und Amerika total unterschiedliche Einstellungen zur Atombombe, was sich in ihren Filmen auch widerspiegelt. In Amerikanischen Filmen wird die Bombe oft als Lösung für ein übermächtiges Problem angesehen – In „Independence Day“ werden damit die Außerirdischen besiegt, in „Armageddon“ wird der Asteroid damit gesprengt und in „The Core“ wird mit der Bombe sogar die Rotation des Erdkerns wieder gestartet. Es gibt zwar auch genügend amerikanische Filme, die die Atombombe kritisch zeigen, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die USA in den Medien generell einen salopperen Umgang mit der Bombe pflegen als die Japaner. Wenn eine Atombombe in einem japanischen Film auftaucht ist dies eigentlich immer ein ernsthafter Kontext und der Einsatz dieser wird nie als etwas positives oder als Lösung eines Problems dargestellt. Die größte Anti-Atom-Ikone ist natürlich Godzilla selbst. Obwohl Godzilla in seiner langen Kinogeschichte auch mal sehr albern wurde und sich von seiner Anti-Atom-Thematik entfernte, wurde nie scherzhaft mit der Bombe oder Atomenergie umgegangen. Wenn es darum ging, wurde es immer wieder bierernst. Zum Beispiel: Als 1984 in „Godzilla – Die Rückkehr des Monsters“ der kalte Krieg thematisiert wird und Nuklearwaffen eingesetzt werden, sind diese es, die den eigentlich schon besiegten, bösen Godzilla wieder auf die Beine bringen. Aber kein Film hat eine stärkere Botschaft in diese Richtung als das Original von 1954! Hier ist Godzilla nicht nur Metapher für die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki im zweiten Weltkrieg, sondern es wird auch sehr deutlich der Fall des Fischkutters „Glücklicher Drache V“ thematisiert. Dieses Schiff wurde durch die Castle Bravo Nuklearwaffentest kontaminiert, da der Sicherheitsabstand zur Detonation von den Amerikanern viel zu gering angegeben wurde. Einige der Besatzungsmitglieder des japanischen Fischerbootes starben einen qualvollen Tod durch die Folgen der radioaktiven Verstrahlung. Unabhängig davon wurden auch über 200 Bewohner eines Inselatolls schwer verbrannt und verstrahlt. Die Japaner waren empört darüber und die Anfangsszene aus Godzilla 1954 stellt eine sehr ähnliche Szene dar, wie sie die Mannschaft der „Glücklicher Drache V“ wohl miterlebt hat. Die Amerikaner spielten dies natürlich damals runter und in amerikansichen Medien wurde kaum darüber berichtet. Ihr fragt euch, was dies mit den neueren Filmen zu tun hat? Etwas Grundsätzliches: In Godzilla 2014 sollen eben diese Castle Bravo Atombombentests Versuche der Amerikaner gewesen sein Godzilla zu töten. Anstelle eines leichtfertigen, verwerflichen Akts, der den Tod von unschuldigen forderte und ein direkter Teil dessen ist, was vom Original-Godzilla angeklagt und kritisiert wird und für das „Erwecken“ Godzillas sorgte, stellen die Castle Bravo Tests im amerikanischen Godzillafilm von 2014 den glorreichen Versuch der Amerikaner dar Godzilla Einhalt zu gebieten. Wie erwähnt wird die Bombe nicht als das Problem dargestellt, sondern als Teil der Lösung, oder zumindest als gut gemeinter Lösungsversuch. Später im Film wollen die Amerikaner die Monster mit einer Atombombe anlocken und vernichten – Ken Watanabes Figur wirft zwar einen kurzen Einwand ein, aber niemand anderes im Film scheint dies für eine schlechte Idee zu halten. Selbst als geplantes Unterfangen schief läuft und die Bombe mitten in San Francisco zu detonieren droht ist dies zwar eine gefährliche Situation, aber im Film kommt eher die Aussage „Mist, unser Plan hat nicht funktioniert“ rüber als „wir hätten keine Atombombe einsetzen sollen“. Dass dieser große nukleare Sprengkopf danach direkt in der Bucht von San Francisco hochgeht, an die auch große Städte wie Richmond, Fremont und Oakland direkt anschließen, verbleibt ohne Konsequenzen im Film. Auf ähnliche Weise wollte auch Roland Emmerich 1997 beim ersten amerikanischen Godzilla-Film die USA aus der Verantwortung ziehen, indem Godzilla (bzw. Zilla, wie er offiziell von Toho umgetauft wurde) von französischen Atombombentests erschaffen wurde und nichts mit den Amerikanern zu tun hatte. In Shin Godzilla ist die Atombombe eine ebenso große Bedrohung wie der 100 Meter große Drache. Die Japaner müssen Godzilla besiegen, ansonsten wird die USA eine Atombombe auf ihre Hauptstadt werfen. Dies zeichnet zu erst ein negatives Bild der Amerikaner, aber der Film ist auch sehr selbstkritisch seiner eignen Nation gegenüber. Es geht darum, dass Japan eine neue Form der Selbstständigkeit erreichen muss und Ländern wie den USA auf Augenhöhe gegenübertreten kann. Im Finale arbeiten dann beide Nationen zusammen, ohne dass die Handlungen von den Amerikanern diktiert wird. Und letztendlich fließt dies mit in meinen letzten Punkt ein, wieso Shin Godzilla, zumindest meiner Meinung nach, ein besserer Film als Godzilla 2014 ist: Er hat eine Botschaft. Seine Aussagekraft ist in ein Gewandt gehüllt, dass nicht zu einem 0815-Blockbuster passt. Dies macht den Film zwar unzugänglicher für westliche Zuschauer, aber es trägt eben auch zu seiner Besonderheit bei.

Doch brechen wir zum Schluss auch ein paar Lanzen für Gareth Edwards Godzilla! Ja, ich habe viele Probleme mit dem Film, aber letzten Endes finde ich den Legendarys Reboot nicht schlecht. Und ich werde nicht vergessen, dass es Legendary mit ihren Film waren, die die Marke Godzilla wiederbelebten. Ohne diesen Film würde es jetzt keinen Shin Godzilla und keinen Godzilla: Planet der Monster geben. Und ich freue mich wie Bolle auf die angekündigten Fortsetzungen des Films! Mike Dougherty, der Mann hinter den Film „Krampus“ führt Regie bei dem direkten Sequel, was in mir hohe Hoffnungen weckt. Und im Anschluss soll sich der amerikanische Godzilla mit Kong kloppen! Das hört sich danach an, dass Hollywood sich aus dem Ideenfundus von Toho bedient und uns einige Blockbustervarianten alter Toho-Monster-Matches gibt. Meiner Meinung nach hat dieses Cinematic Universe hohes Potential. Was Shin Godzillas Fortsetzungen angeht bin ich weniger optimistisch. Ich glaube, dass die Story des Films besser als alleinstehendes Werk funktioniert und dass Fortsetzungen wohl mehr kaputt machen würden als hinzuzufügen. Ansehen würde ich sie mir aber trotzdem.