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Jul 30

Meine Meinung zu Pokémon Go

Pokemon Go TitleVerdammt, ich schreibe in letzter Zeit verhältnismäßig oft über Videospiele! Aber seien wir doch mal ehrlich, ich wäre dämlich keinen Artikel über das Phänomen Pokémon Go zu schreiben! Millionen und abermillionen von Smartphonebesitzern allen alters treibt es auf die Straßen und in die Parks um dort kleine Monster zu fangen. Es kann niemand abstreiten, dass es gut ist die „Jugend“ zum raus gehen zu motivieren. Doch sämtliche Medien berichten darüber wie Pokémon Go Spieler in Fallen gelockt und ausgeraubt werden, unachtsam in die Gefahr stolpern oder Leichen finden. Es stellen sich die Fragen, was die positiven und negativen Aspekte dieser neuen Pokémania ist. Und ich glaube mit meinem Artikel werde ich ein paar Punkte ansprechen, die Befürworter sowie Gegner von Pokémon Go aufregen werden. Ha ha ha, wie ich es liebe mir Feinde zu machen. Aber hier kommt meine Meinung zu Pokémon Go:

Was habe ich mit Pokémon am Hut?
Um es mal gleich vorweg zu nehmen: Ich bin Pokémonfan. War ich schon immer. Ich kann mich noch relativ gut daran erinnern, wie ich als Kiddie im Nintendo Club Magazin blätterte und das erste mal von diesem Nintendospiel erfuhr in dem man eine Unzahl von coolen Monstern fängt und trainiert. Ich fand das Konzept klasse und das Design der Pokémon auch traumhaft. In Japan wurde dieses Spiel schon gefeiert, doch es sollte noch DREI JAHRE dauern, bis man es in Europa kaufen konnte. Das war das erste mal, das ich mit Hummeln im Hintern den Erscheinungstag eines Videospiels herbeisehnte und direkt am Release den Laden stürmte um es mir zu holen. Ich möchte mich ja nicht wie ein Hipster anhören, aber ich habe Pokémon schon gemocht, bevor es cool wurde – zumindest bei uns. Ich bin zwar nie einer der Hardcore Pokémonfans geblieben, und habe auch bei weitem nicht alle Spiele gezockt, aber ich hatte die Reihe immer im Auge und mir auch die letzten Titel der Hauptreihe gekauft.

Das Phänomen
Von Pokémon Go habe ich dann überraschender weise erst kurz vor dem Release erfahren. Ich wusste zwar, dass irgend eine Smartphoneapp in Arbeit war, aber eben nichts Näheres. Dann startete es in den USA und schlug ein wie eine Bombe! Wie ein weltweiter Flächenbrand breitete sich die Pokémon Renaissance aus und nun sieht man sie überall herumlaufen: Pokémontrainer! Hauptsächlich Kinder und Jugendliche, aber auch viele junge Erwachsene – alle starren in das Handy und fangen die wertvollen Taschenmonster. Und während die Hype immer größer wird, wird auch die Unverständnis und damit der Angst und Hass der Gegner größer. Vor allem die Presse frisst sich einen Narren an der Berichterstattung über alles was man nur irgendwie an dem Spiel schlecht reden kann. Und wie immer bei so etwas gibt es berechtigte Bedenken und auch komplette Bullshit-Storys.

Pokéräuber
Erstmal ist da die bescheuerte Geschichte, dass Pokémonspieler mit Hilfe der App angelockt und ausgeraubt werden. Als meine Eltern mitbekamen, dass ich Pokémon Go auf meinem Handy installiert hatte warnten sie mich sofort vor dem Spiel „mit dem einen Verbrecher anlocken und ausrauben“. Ja, es wurden Pokémonspieler ausgeraubt und die Räuber lauerten an einen sogenannten Pokéstop auf. Doch anscheinend ist das bisher nur bei einer Gruppe in den USA passiert. Und ich glaube nicht, dass diese Räuber, die in einer zwielichtigen Gegend einzelne Jugendliche ausraubten vor jedem „Nicht-Spieler“ voller entsetzen zurückgeschreckt wären. Und nur fürs Protokoll: Wenn irgendjemand Verbrechen in Verbindung mit Pokémon begeht, sollte er zumindest so Stilvoll sein und sich ein pinkes „R“ auf sein Shirt pinseln.

Auf Crashkurs
Eine weitere Lieblingsgeschichte der pokémonkritischen Berichterstattung ist ein Autounfall, ebenfalls in den USA. Da ist ein Typ mit seinem Auto in einen Baum gerast, weil er von seinem Handy abgelenkt war. Ach ja, es sind große Nachrichten, weil er auf dem Handy Pokémon spielte. Hätte er mit Whatsapp geschrieben, getwittert oder Angy Birds gezockt, hätte sich keine Nachrichtenargentur dafür interessiert und der Unfall würde wäre wohl nur als kleiner Absatz in der Lokalzeitung geendet. Es passieren täglich Verkehrsunfälle, weil Auto-, Lastwagen- und Fahrradfahrer lieber auf ihr Smartphone glotzen als auf die Straße. Und ich kann euch versichern, dass es die gleichen Leute sind, die jetzt beim Autofahren Pokémon Go spielen, die auch am Steuer SMS schreiben, sich während des Fahrens schminken oder sich sonst leicht vom Verkehr ablenken lassen. Pokémon Go bietet eine neue Ablenkung, das ist mir bewusst, aber das Problem ist nicht neu und wurde auch nicht von Nintendo verursacht.

Daten-Tentacha
Ein weiterer Kritikpunkt an dem Spiel ist das Datensammeln. Das Spiel fragt über GPS ständig den Standpunkt des Spielers ab. Das ist natürlich notwendig, damit die ganze Sache überhaupt funktioniert, aber die Frage ist, was macht ein Unternehmen mit diesen Daten. Opfern wir unsere Anonymität wenn wir die App benutzten? Ja, das machen wir. Es ist möglich, und wie ich finde auch wahrscheinlich, dass Bewegungsprofile von Spielern erstellt werden um zu sehen wo die Leute rumlaufen und wie man sie besser mit Werbung bombardieren kann. Das ist allerdings auch nichts neues, denn prinzipiell macht dies jedes Programm, dem man Zugriff auf die GPS-Funktion erlaubt. Ob Navigationsgerät, Google Maps, Runntastic etc. Alle werden wohl irgendwo ihre Scheibe vom Datenkuchen abschneiden. Wer also wirklich nicht will, dass Big Brother seinen Standort kennt, sollte auf sämtliche GPS-Anwendungen verzichten – nicht nur auf Pokémon Go. Ein komplettes Bewegungsprofil eines Pokémon Go Spielers zu erstellen stelle ich mir jedoch recht ineffektiv vor. Erstmal kann ich euch schon ohne die nötigen Daten anzusehen sagen, dass die meisten wohl zwischen den festgelegten Pokéstops hin und her pendeln. Dann kommt noch der Punkt dazu, dass man Pokémon Go nicht im Hintergrund über den ganzen Tag laufen lässt, sondern eher höchsten ein- bis zwei Stunden gezielt spielt. Spätestens dann geben Beine und Handyakku langsam den Geist auf. Die Informationen, die Nintendo erhält sind also nicht: „Was machen die Leute den ganzen Tag?“ sondern eher „Wo Spielen die Leute Pokémon Go und welche Pokéstops werden am meisten genutzt“. Fitnessapps, die ununterbrochen die Bewegungen und zum Teil sogar die Gesundheitsdaten des Nutzers aufzeichnen sehe ich da wesentlich kritischer. Aber wie schon gesagt: Pokémon Go benutzt GPS und leitet die Standortdaten weiter, genau wie alle anderen auch. Es ist nicht schön, aber man sollte sich bei der Nutzung solcher Dienste immer darüber bewusst sein, was man über sich preis gibt.

Zombié Go
Aber dass, was die meisten Pokémon-Go-Gegner aufregt sind die Horden, der nur aufs Handy starrenden Jugendlichen in den Fußgängerzonen. Und was soll ich sagen, irgendwie muss man den genervten Leuten schon zustimmen. Die Kids starren auf ihre Handys und laufen in Grüppchen durch die Stadt – Ja, dass wirkt schon etwas befremdlich. Doch seien wir doch mal ehrlich: Schauten genau die selben Kids nicht sowieso ständig auf ihr Handy? Eigentlich schon. Der Unterschied ist, dass sie jetzt gezielt und meist in Gruppen nun herumrennen. Neulich sah ich sogar einen Radfahrer, der im Vorbeifahren einen Pokémon-Go Spielerschwarm als Zombies beschimpfte. So ein Verhalten finde ich ehrlich gesagt noch befremdlicher als die Spieler selbst.

Wenigstens kommen sie mal an die frische Luft
Doch was soll diese ganze negative Haltung, schauen wir uns doch mal ein paar positive Seiten an. Die als Zombies bezeichneten Jugendlichen machen nämlich etwas außerordentliches: Sie spielen gemeinsam etwas. Sie erkunden Parks und Sehenswürdigkeiten, Ecken von Städten die sie sonst nie besucht hätten. Ich war vor kurzem zum Beispiel in Bayreuth unterwegs. Es war eingeplant, dass wir etwas durch die Altstadt bummeln – ohne genaues Ziel. Ich zückte mein Handy und lies mich einfach von Pokémon Go leiten. Wo sind Pokémon, wo sind Pokéstops – einfach mal der Handykarte hinterher. Das Ende vom Lied war, dass ich mir das erste mal den Schloßgarten angesehen habe. Ich war noch nie dort und verspürte auch nie großes Interesse daran da durch zu spazieren, doch die Anwesenheit eines Dratinis und einiger Pokèstops im Park lotsten mich dorthin. Und es war cool, ein echt schöner Fleck, den ich mir wohl so nie angesehen hätte. Auch diese Gruppen von umherziehenden Jugendlichen sind nicht per se schlecht. Ich kenne da ein Plätzchen, an dem auch unter der Woche nachmittags um 3 ein paar Leute rumhängen und sich ein Bier nach den anderen reinpfeifen. Jetzt mussten die wo anders hin – ihre Sitzgelegenheiten werden nun nämlich von Kids belagert, die den nahe gelegenen Pokéstop besuchen. Nicht alleine. Der Pokémon Go Spieler ist ein Gruppentier, dass sich mit Gleichgesinnten verabredet und gemeinsam loszieht. Gemeinsam eine Arena einnehmen, oder einfach zusammen umherstreifen auf der Suche nach Taschenmonstern, die man noch nicht besitzt. Was ist daran eigentlich so verkehrt? Im Grunde ist das doch nichts andere als eine moderne Schnitzeljagd, gekoppelt mit der Pokémonüblichen Sammelwut. Ja, die Jugend kommt wieder raus, starrt dafür aber ständig auf die Bildschirme. Ältere Generationen schütteln da die Köpfe. Früher haben sie auf den Feldern und wiesen herumgetollt ohne so einen Schwachsinn zu brauchen. Doch wir wollen hier nicht vergessen, dass die „Pokémon ist Schwachsinn“-Generation die „Pokémon ist fantastisch“-Generation erzogen hat. Die Welt ist anders als von 30 Jahren, verdammt, sie ist sogar verdammt anders als von 10 Jahren. Wir sind vernetzt, weil wir es zuerst wollten und nun mehr oder weniger müssen. Wir haben ein Handy, weil es gesellschaftlich gefordert wird – Oder wer will der einzige in der Schulklasse sein, der kein Handy hat? Die Kids in der Stadt können nicht einfach so auf die Wiese laufen und den Landkindern fehlt es meist an einer Infrastruktur, die ihnen wirklich interessante Freizeitaktivitäten anbietet. Videospiele können sie alle spielen. Wir sollten froh sein, dass es Produkte gibt, die das digitale Leben aus den dunklen Zimmern rausholt und uns ermuntert raus zu gehen. Es gibt eine Möglichkeit ein Videospiel zu spielen, im wirklichen Leben mit der ganzen Welt als Spielfeld und mit allen Menschen als Mitspieler. Es macht Spaß Videospiele zu spielen und es macht Spaß draußen zu spielen. Jetzt kann man beides gleichzeitig.

Die beste Sportapp, das schlechteste Pokémonspiel
Doch mal Butter bei die Fische: Pokémon Go ist kein perfektes Spiel. Auch kein sonderlich gutes. Eigentlich ist es sogar ziemlich mies. Serverfehler, ständige Spielabstürze, unzuverlässig funktionierende Featuers, dass nervt und wäre der Tod jedes anderen Spiels gewesen. Ganz zu schweigen, dass die App auch sehr gut als Batterieentlader funktioniert. Das was das Spiel rettet ist die Pokémonlizenz. Keiner würde dieses Spiel spielen, wenn wir nicht Shiggy, Pikachu und Glumanda hätten. Doch wir haben diese (meist) cool designten Figuren, die so viele kennen und lieben. Die Nostalgie ist ein wahnsinnig starker Katalysator für dieses Spielkonzept. Und da so viele Leute schon früher Pokémon liebten, das Game umsonst und auf eigentlich jeden Smartphone verfügbar ist, war es ein vorprogrammierter Erfolg. Dass jedoch so viele „Nicht-Gamer“ nun auch darauf aufmerksam geworden sind und mitmachen, ließ Pokémon Go zum globalen Phänomen werden. Alle laufen in Scharen umher und haben draußen Spaß. Bewegen sich. Und das mehr als es je eine Sportapp erreichen würde. Denn anders als eine App, die einem nach dem Rummrennen nur sagt „Gut gemacht, du warst so und so schnell“ belohnt einen Pokémon Go. Man erreicht im Spiel Ziele und wird motiviert etwas zu machen. Die einzige Motivation, die Sportapps bieten ist, dass man mit seinen Ergebnissen in sozialen Netzwerken prahlen kann. Pokémon Go lässt einen Sport machen ohne dass man sich dessen wirklich bewusst ist und darum ist es so effektiv. Sport, wenn er kein Spiel ist, ist generell etwas langweiliges. Man muss sich schon immer selbst etwas überwinden um ins Fitnessstudio zu gehen, sich auf das Trimmdichrad oder den Hometrainer zu setzen. Mit den Freunden einen Ball hinterher zu jagen ist da wesentlich interessanter. Man gewinnt und dass motiviert einen. Nicht die eigene Disziplin ist Antriebskraft hinter der Ertüchtigung, sondern der Spielspaß. Man kann mir erzählen was man will, aber der Mensch ist ein faules, primitives Tier. Wir bewegen uns, wenn wir dafür etwas bekommen. Wenn es irgendetwas gibt, dass unser Belohnungszentrum im Hirn dazu bringt Endorphin auszuschütten. Früher musste man seinen Arsch bewegen um dem ollen Mammut einen Speer in den Wanst zu rammen. Man freute sich dann darüber, dass man es schaffte und darüber wieder Essen zu haben und Felle die einen warm halten. Ein Grund warum die Leute immer dicker werden ist, dass wir im normalen Leben keine solche Situationen mehr haben. Den Lebensunterhalt bestreiten wir in dem wir auf einen Bürostuhl sitzen und unsere Belohnungszentren können triggern ohne die Chouch verlassen zu müssen . Wenn ich beim zocken von Monster Hunter auf meinem 3DS meinen Kick bekommen kann und nur zum Kühlschrank muss um etwas zu essen, warum sollte ich dann noch groß rumlaufen? Hirn und Bauch sind erstmal zufrieden. Nur langfristig gesehen ist das nicht gut, da mein Körper eigentlich dafür gebaut ist rumzuwandern, Früchte zu sammeln, Tiere zu jagen und vor größeren Tieren davon zu rennen. Alles Dinge, die in unserer modernen Gesellschaft verloren gehen, wenn man sich nicht selbst dazu aufrafft. Der Mensch ist gern in Gruppen unterwegs, er jagt gerne, er sammelt gerne, er bewundert gerne seltsame und niedliche Geschöpfe – BOOM, Hier ist Pokémon Go und erfüllt eure niederen, primitiven Triebe. Lässt euch dass machen was ihr von Natur aus machen wollt. Es ist natürlich nur ein Fake-Erlebnis. Genau wie beim Spielen von Pokémon auf dem Gameboy, was unseren natürlichen Sammeltrieb ausnutzte wird uns nur vorgegaukelt wirklich etwas zu erreichen. Doch abgesehen von gefälschten Jäger-und-Sammler-Erfahrungen bleibt uns doch im digitalen Zeitalter nichts, oder?

Letzen Endes ist Pokémon Go nur ein Hype wie jeder andere. Die Spielentwickler werden mit einigen Updates und neuen Features die Popularität des Spieles etwas hinausstrecken, doch irgendwann wenden sich die Spieler ab. Spätestens wenn es etwas neues gibt. Vielleicht gliedern sich Argumentent-Reality-Spiele immer weiter in unsere Gesellschaft ein, vielleicht verschwinden sie so schnell wieder wie sie gekommen sind. Doch man sollte sich darüber bewusst sein, was man spielt, warum man es spielt und wer noch davon profitiert. Verurteilt nicht vorschnell etwas, mit dem ihr euch noch nicht auseinandergesetzt habt und verteidigt nichts ohne dessen Hintergründe zu kennen. Ist Pokémon Go nun also die Videospielrevolution oder Untergang unserer Gesellschaft? Beides! Denn Leute die zu tief ins Spiel vertiefen und dann vor ein Auto rennen kann man einfach nur dämlich nennen, aber diese Typen gibt es überall. Die Leute die Pokémon verdammen sind aber auch nicht viel besser. Wie immer liegt die Wahrheit in der Mitte. Jemand der Pokémon liebt ist nicht schlecht, jemand der damit nichts anfangen kann jedoch auch nicht. Es ist wie überall im Leben, solang man nicht ins Extrem geht ist es alles in Ordnung. Und jetzt entschuldigt mich, ich glaube in der Nachbarschaft ist irgendwo ein Fukano unterwegs.