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Mai 06

“SHIN GODZILLA” Review

Leute, ich liebe japanische Monsterfilme, die sogenannten Kaiju Eiga und insbesondere natürlich Godzilla. Darum war es für mich sehr schwer, als 2004 nachdem „Godzilla: Final Wars“ zum 50sten Jubiläum des Originalfilms erschien, die Toho Studios verkündeten, dass sie für mindestens 10 Jahre keinen neuen Godzillafilm drehen wollen. Anfangs war es eine wirklich harte Durststrecke für mich, doch dann passierte etwas in der Filmszene. Es erschienen Filme wie Trollhunter, Clash of the Titans und allen voran Pacific Rim und hauchten den Genre international neues Leben ein. Dann erschien 2014 ein amerikanischer Godzillafilm und bald darauf wurde auch schon Kong: Skull Island angekündigt. Plötzlich sind die von mir geliebten riesigen Monster salonfähig! Diese Gelegenheit ergriffen die Kollegen aus Fernost und sie fingen an die Gummianzüge für ihr Comeback abzustauben. Endlich ist Godzilla zurück! Nein, nicht irgendeine amerikanische Adaption, sondern der REAL DEAL. Leider dauerte es jetzt fast ein Jahr bis es der 29ste japanische Godzillafilm in die Bundesrepublik schaffte. Ich wette einige Leute bei Splendid, die den Streifen in Deutschland vertreiben, mussten sich ein Bein ausreißen um es hinzukriegen, einen japanischer Kaijufilm wirklich in deutsche Kinosäle zu bringen, doch sie haben es geschafft – auch wenn es nur für ein paar Vorstellungen in ausgewählten Lichtspielhäusern gereicht hat. Natürlich war ich dort und musste mich selbst davon überzeugen ob das japanische Reboot der Reihe, der neue Godzilla alias Shin Godzilla gut ist. Schauen wir mal kurz auf die Story:

shin-godzilla-posterWie aus dem nichts ereignet sich vor der Küste Tokyos eine Explosion die einen unterseeischen Autobahntunnel schwemmt und eine ominöse Dampfwolke in die Luft steigen lässt. Noch bevor die Menschen Tokyos wissen wie ihnen geschieht robbt sich ein seltsames, schnell wachsendes Wesen durch den Kamatakanal, der in die Stadt führt. Die Regierung ist wie gelähmt, denn es gibt keine Pläne eine derartige, nie dagewesene Naturkatastrophe abzuwehren. Binnen kurzer Zeit bewegt sich ein gigantisches Monster auf das Herz der japanischen Metropole zu. Der Premierminister und der Regierungsapperat arbeiten fieberhaft an einer Lösung, doch die ist nicht einfach, wenn das Leben der Abermillionen Bewohner der Hauptstadt, die komplette Wirtschaft und die Integrität Japans auf dem Spiel steht. Während sich auch noch die US-Regierung in den Konflikt einmischt wird der stellvertretende Chefkabinettssekretär Rando Yaguchi Leiter einer Taskforce, die dem kolossalen, unaufhaltsamen Organismus Einhalt gebieten soll.

Ich persönlich fand Shin Godzilla richtig stark, aber es ist keinesfalls ein Film für jeden. Ein Umstand, den ich als Liebhaber von japanischen Monsterfilmen ja bereits nur zu gut kenne. Doch hier werden sich auch die Geister unter den Godzillafans scheiden. Godzilla kämpft nicht gegen andere Monster, Godzilla ist kein charmantes Monster von dem man sich insgeheim wünscht, dass er am Ende doch irgendwie gewinnt, Godzilla ist hier eine wandelnde Naturgewalt die es zu bewältigen gilt. Der komplette Film ist weniger Monsterfilm sondern eher Katastrophenfilm, der hauptsächlich daraus besteht, dass Politiker, Militärs und Wissenschaftler sich in Büros und Besprechungsräumen den Kopf zerbrechen wie sie Japan vor dieser Bedrohung retten können. Der komplette Streifen dreht sich um Krisenmanagement und beleuchtet die politischen Herausforderungen die eine solche Katastrophe, insbesondere wenn sie so unvorhersehbar wie ein riesiges Monster ist, mit sich bringt. Das könnte langweilig sein, ist es jedoch nicht! Abgesehen vom 120 Meter großen, atomaren Auslöser des Desasters ist dies einer der realistischsten Katastrophenfilme die ich bisher gesehen habe. Der Umgang mit Godzilla durch Militär und Politik und das gesamte Kriesenmanagement in Shin Godzilla wurde erheblich durch den Tsunami und den Fukushimavorfall von 2011 inspiriert. Die starre Bürokratie, die am sofortigen Handeln hindert, der komplexe Regierungsapperat hauptsächlich mit alten, voreingenommenen Männern besetzt, die sich vor Entscheidungen drücken und das Buckeln von Japan vor den USA, obwohl der Krieg bereits 60 Jahre zurück liegt. Dies sind die Themen die im Film vertreten sind und ihn deshalb in einem gesellschaftlichen und politischen Hintergrund setzen. Wie beim ersten Godzillafilm 1954 als in den Köpfen der Japanern noch die Atombombenangriffe des Zweiten Weltkriegs frisch waren ist der Godzilla von 2016 Teil der Traumabewältigung eines nationalen Fiaskos und nicht nur lasches Popcornkino. Für die Wiederbelebung von Gojira wurde meiner Meinung nach auch der ideale Regisseur beauftragt: Hideaki Anno, der Schöpfer des Animemeisterwerks „Neon Genesis Evangelion“. Wenn ihr nicht wisst was es mit der Serie Neon Genese Evangelion auf sich hat… puh Leute, da müsste ich ein Fass aufmachen um das zu erklären. Aber sagen wir es mal so: In Evangelion sind auch große Monster die als Engel bezeichnet werden ein Kernelement. Zudem bietet die Serie von 1995 Drama, biblische Elemente, megamäßige Action, ist ultratiefgründig und macht einem beim Ansehen psychisch fertig (Hier ein Trailer). Und Anno schafft es viele Elemente, die seine Serie so grandios machten auch hier in Godzilla einzupflanzen. Tatsächlich ist seine Handschrift in dem Film unverkennbar und ich musste oft an Evangelion denken, insbesondere an die ersten 6 Episoden. Es gibt zahllose visuelle und auch musikalische Anspielungen zu seiner epischen Serie, die eben auch wie die Faust aufs Auge zu Godzilla passen. Aber der Film enthält nicht nur Anspielungen zu Animeserien und realen Ereignissen, es werden auch gezielt Soundeffekte und Originalmusikstücke aus den allerersten Godzillafilmen verwendet, was gut funktioniert, denn die alten Kompositionen von Akira Ifukube sind so episch und düster, wie man es hier benötigt. Ich muss natürlich auch etwas über Godzillas neues Design und die Special Effekts sagen. Mir ist der neue Look des Monsters inzwischen ans Herz gewachsen. Was auch an der Inszenierung lag. Godzilla ist ein Wesen wie aus einem Alptraum und so furchterregend wie nie zuvor. Er sieht aus wie ein 40 Stockwerke hoher glühender Krebstumor mit Zähnen. Einzig die Kulleraugen stören mich hier etwas. Ich habe ein paar mal gelesen wie sich Leute darüber beschwerten wie steif Godzilla wirkt. Doch ich finde, dies trägt nur noch mehr zu seinem bedrohlichen Auftreten bei und lässt ihn nur noch mehr wie eine Fleisch gewordene Katastrophe wirken. Westliche Zuschauer werden vermutlich weniger über das Design lästern, sondern eher über die Effekte, die natürlich nicht mit seinem Hollywoodgegenstück mithalten können. Wollen wir wirklich einen Film mit einem 160 Millionen Dollar Budget mit einem vergleichen, der mit läppischen 15 Millionen Dollar, also weniger als einem Zehntel zurecht kam? Nur zum Vergleich: Shin Godzilla, ein Film in dem ein Monster eine Metropole zerstört und gegen Heerscharen des Militärs kämpft hat genau so viel gekostet, wie z.B. 10 Cloverfield Lane, ein amerikanischer Film der zu 90% in einem Bunker mit 4 Räumen spielt. Ein japanischer Film wird nie die finanziellen Ressourcen zu Verfügung haben wie eine Hollywood Blockbusterproduktion. Für das was Hideaki Anno und sein Co-Regisseur Shinji Higuchi zur Verfügung hatten, sieht Shin Godzilla verdammt gut aus. Und wenn wir schon beim vergleichen zwischen dem amerikansichen Godzilla von 2014 und Shin Godzilla sind, dann muss ich hier wirklich einige Lanzen für die Japaner brechen. Shin Godzilla ist zwar wie der Legendary Godzilla oftmals länger nicht zu sehen, aber der komplette Film, jede Unterhaltung dreht sich um ihn und nicht um irgendwelche anderen Monster, die die eigentliche Hauptrolle im Film spielen. Ich mag Gareth Edwards, der Regie bei der 2014er Fassung (und auch “Rouge One”) führte, denn er hat ein gutes Auge wie er Sachen episch aussehen lassen kann und legt eine astreine Imitation von Steven Spielbergs Regiestil hin, doch der einzige von dem Hideaki Anno kopieren muss um einen gewaltigen Film zu drehen, ist er selbst. Es ist schon wirklich ironisch: Die Amerikaner kaufen die Rechte zu Godzilla und wollen einen Film um das Monster drehen, der düsterer und realistischer ist, doch am Ende ist es doch nur wieder teures Popkornkino mit Monster die sich aufs Maul haun. Und dann kommen die Japaner daher, verlacht für ihre kitschigen und billigen Monsterfilmchen, und besinnen sich darauf zurück wofür Godzilla ganz am Anfang seiner Karriere stand: Atomare Angst, die Ohnmacht vor Katastrophen und die Tragödie der Menschen dahinter, personifiziert in einem nicht totzukriegenden Drachen. Und eben diese Japaner machen dann den düsteren, realistischen Godzillafilm, den Katastrophenfilm mit sozialen und politischen Kommentar. Shin Godzilla ist Godzilla für Erwachsene.

 

Mein Fazit: 9 von 10 Drachentöterfahrzeugen

Seit langen wünsche ich mir einen Godzillafilm, der thematisch wie ein Katastrophenfilm aufgezogen ist und hier ist er. Shin Godzilla ist ein epochaler Krisenbewältigungsstreifen der nicht von der Hand zuweisend das Projekt von Hideaki Anno ist. Er setzt den Stil bekannt aus Neon Genesis Evangelion einwandfrei in dem Realfilm um, sogar samt des, für ihn typischen Mindfucks. Ein großer Film, über ein großes Problem, der hauptsächlich in kleinen Räumen spielt und mit kleinem Geld gedreht wurde. Shin Godzilla ist einer der besten Kaiju Eiga die jemals gedreht wurden. Auch wenn ich Gareth Edwards Godzilla langsam zu schätzen gelernt habe und mich auf dessen Fortsetzungen wirklich freue, würde ich, wenn ich 150 Millionen Dollar zur Hand hätte lieber 10 japanische Godzillafilme damit finanzieren als einen Hollywood-Godzilla.

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  1. TOP 10 GODZILLA FILME » Degl-Toons

    […] SHIN GODZILLA Ich habe mich erst vor kurzem in meiner Review des Films darüber ausgelassen wie sehr ich Shin Godzilla liebe, darum werde ich mich hier etwas […]

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